Ursula Pidun / 19. Januar 2014 / Keine Kommentare


Wolfgang Grupp (Trigema)

Wolfgang Grupp, Deutschlands größter T-Shirt- und Tennis-Bekleidungs-Hersteller, hat es weit gebracht. Mit seinem Unternehmen TRIGEMA mit Hauptsitz in Burladingen steht der Vorzeigeunternehmer auch zu Zeiten der größten Finanz- und Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik wie ein Fels in der Brandung. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis umsichtiger Unternehmensführung, strategischer Marktplanung- und Analyse sowie dem Angebot innovativer Produkte.

1200 qualifizierte Mitarbeiter beschäftigt Grupp am Standort Deutschland. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, denn beide – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – können sich aufeinander verlassen. Die Zeichen der Zeit erkennen, flexibel, schnell und mit Qualitätsprodukten auf den Markt reagieren, vor allem aber unternehmerische Verantwortung übernehmen – so lautet die Erfolgsformel des schwäbischen Unternehmers. Wir haben nachgefragt. Im Gespräch mit Wolfgang Grupp über Unternehmensführung, Globalisierung, Exportweltmeister, Hochlohnland Deutschland und persönliche Haftungen.

Herr Grupp, Sie sind mit Ihrem Unternehmen ganz bewusst nicht auf der Welle der exzessiven Globalisierung mitgeschwommen? Oder verstehen viele nicht, professionell mit Globalisierung umzugehen?

(Foto: Trigema)

(Foto: Trigema)

Ich tue etwas nicht, weil ich es studiert oder gelernt habe. Ich entscheide nach dem Gefühl, wie es jetzt richtig sein muss und der Zeit angepasst ist. Nach dem Kriege hatten wir eine Bedarfsdeckung. Schon lange haben wir aber eine Bedarfsweckung. Früher war es wichtig, viele Mitarbeiter, Maschinen und Kapazitäten zu haben. Wer das hatte, war der Größte beziehungsweise der Beste. Er konnte problemlos am Markt verkaufen.

Das hat sich grundlegend geändert.

Vor dreißig Jahren haben sich diese Voraussetzungen geändert, der Bedarf ist gedeckt und es geht nur noch um Bedarfsweckung. Nicht mehr Größe, riesige Stückzahlen usw. stehen im Vordergrund, sondern Flexibilität, Spezialität und vor allem Qualität.

Wir müssen insbesondere wissen, dass wir in einem Hochlohnland produzieren. Masse und Billigware können die Entwicklungsländer mit ihren niedrigen Löhnen viel besser realisieren. Wir, in unserem Hochlohnland, müssen das tun, was diese Entwicklungsländer beziehungsweise Billiglohnländer nicht können, nämlich Exaktheit, Qualität, Schnelligkeit und Flexibilität.

Globalisierung also als große Chance, sofern man damit richtig umzugehen weiß?

Globalisierung heißt für mich die Chance, auch in andere Länder leichter liefern zu können. Dies bedeutet aber nicht, dass ich meine Pflicht, meine Mitmenschen in meinem Heimatland in den Arbeitsprozess mit einzubeziehen, aufgeben muss. Andere Länder wollen von uns „Made in Germany“ und das bedeutet vor allem Qualität. Diese muss aus „Germany“ kommen und nicht irgendwo anders gefertigt sein. Wer einen russischen Vodka will, fordert zurecht, dass dieser Vodka auch aus Russland kommt. Dies ist für uns eine große Chance, denn „Made in Germany“ ist noch von großer Bedeutung. Wir müssen diese Chance erkennen und sie nicht zunichte machen.

Wir haben hier beste Arbeitskräfte, einen guten Standort, denken wir nur an die Infrastruktur, gebildete Leute, also viele Vorteile gegenüber manch anderen Ländern. Wir müssen die Vorteile nutzen und die wenigen Nachteile in Kauf nehmen. Und nicht konstant über die Nachteile klagen und die Vorteile gar nicht erkennen.

Sie haben sich mit Ihrem Unternehmen frühzeitig angepasst?

Meine letzte Produktionserweiterung war 1990/1991. Danach wurde es immer schwieriger Aufträge zu erhalten, vor allem weil der Handel seine Aufgabe gegenüber den Produzenten nicht mehr wahrnahm. Folglich war ich gezwungen, auch einen Teil der Handelsfunktion zu übernehmen, damit wir unsere Produktionsarbeitsplätze auch für die Zukunft sichern konnten. Wir haben heute 45 sogenannte „Testgeschäfte“ in denen wir 52 Prozent unserer Produktion verkaufen. Ich investiere also nicht mehr in Produktionserweiterung, sondern in die „Handelsfunktionen“.

In meinem Heimatort Burladingen gab es früher 26 Textilfabriken. 25 haben dem Preisdruck der Kunden nachgegeben und am Schluss ihre Firmen schließen müssen. Schuld war aber im Prinzip der Handel. Denken Sie an Karstadt, Kaufhof, Hertie, Horten und andere. Das waren nach dem Krieg die Kaufhauskönige. Sie haben den Wandel der Zeit nicht erkannt und somit neuen Vertriebswegen, wie SB und Discount, die Wege geöffnet.

Was haben Sie anders gemacht, als die anderen?

Als unsere Handelskunden versuchten, immer mehr die Preise zu drücken, um ihre eigenen, sinnlosen Kosten zu decken, sagte ich: „Wenn der Handel meint, den gestandenen Produzenten an die Wand drücken zu müssen, muss er aufpassen, denn der Produzent könnte die Handelsfunktion zum Nulltarif übernehmen, nachdem er sein Geld in der Produktion verdient!“. Dies bedeutete für mich, dass ich in diesen schwierigen Zeit einen Teil der Handelsfunktion selbst übernehmen musste. Zudem waren nicht mehr große Stückzahlen gefragt, sondern Qualität und vor allem innovative Produkte.
Der Akkordlohn wurde abgeschafft. Höchste Leistung in einem Arbeitsgang war nicht mehr gefragt, sondern das Beherrschen von vielen Arbeitsgängen und damit Flexibilität.

Also haben sich nicht nur die Zeiten, sondern auch die Qualität in den Unternehmensstrukturen geändert. Zum Nachteil?

Wir haben schon immer unsere eigenen Mitarbeiter ausgebildet und Sie dann entsprechend ihrer Leistung in die Positionen gesetzt. Die Ausbildung wurde immer wichtiger, da hier die Basis für die zukünftigen Anforderungen gesetzt wurde. Früher war es auch in allen Großbetrieben so. Die Vorstände waren zuerst Lehrlinge und sind durch ihre Leistung in die Vorstandsposition gekommen. Heute ist dies schon lange nicht mehr der Fall. Nicht selten sind Beziehungen wichtig, oder je besser sich einer verkauft, desto höher kann seine Position sein.

Sie haben auch den Umweltaspekt in Ihrem Betrieb längst berücksichtigt?

Schon seit Jahren wird bei uns ausschließlich unter Umweltgesichtspunkten investiert. Seit über 15 Jahren produzieren wir zu 100 Prozent unseren eigenen Strom durch Kraft-Wärme-Kopplung. Vor drei Jahren haben wir als erster in der Welt damit begonnen, ein kompostierbares T-Shirt, das keinerlei umweltbelastende Stoffe beinhaltet, zu entwickeln und schon seit vielen Jahren wird ausschließlich unter ökologischen Gesichtspunkten produziert.

Somit lautet die Erfolgsformel Innovation plus Qualität plus Flexibilität?

Ich würde dies nicht Erfolgsformel nennen, sondern das ist die Basis, wie man in einem Hochlohnland generell erfolgreich bestehen kann. Nicht Masse sondern Klasse ist gefragt und somit Qualität in Verbindung mit Schnelligkeit, das heißt Flexibilität. Mit diesen Positionen hat man genügend Vorteile gegenüber den Billiglohnländern.

Und das bedeutet für die Löhne, die Sie hier in Deutschland zahlen…?

Um Qualitätsprodukte mit größter Flexibilität zu produzieren, brauchen wir natürlich auch entsprechend ausgebildete Mitarbeiter, die selbstverständlich höher bezahlt sind, aber durch diese hochwertigen Produkte auch problemlos bezahlt werden können.

Jetzt stecken wir in einer gigantischen Finanz- und Wirtschaftskrise. Müssen Banker und Unternehmen zurück zu einer neuen Verantwortlichkeit alter Schule?

Es ist schon sehr bedenklich, wenn eine solche Frage überhaupt diskutiert werden muss. Zurück zur alten Verantwortlichkeit heißt, dass wir die Verantwortung aufgegeben haben. Dies ist fatal. Wer ein Unternehmen führt, oder eine übergeordnete Funktion ausübt, muss Vorbild sein und volle Verantwortung übernehmen. Wir haben aus nichts gelernt. Schon die New Economy Krise zeigte, dass wir endlich wieder zurück zur Verantwortung und zur persönlichen Haftung kommen müssen. Nur durch Verantwortungslosigkeit, Größenwahn und nicht persönlicher Haftung kam es zu dieser Finanzkrise, die wie viele andere Desaster in unserer heutigen Zeit ihren Ursprung in Amerika haben.

Und wie können wir standhalten und wieder stärker werden?

Wir brauchen den normalen Menschenverstand, klassische Erziehung, die nicht in der Schule, sondern schon lange vorher zu Hause in der Familie beginnt und wir brauchen vor allem Vorbilder. Die Verantwortung muss auf allen Ebenen wieder zurückkommen.
Entscheidungsträger, die mit hohen Gehältern ausgestattet sind, müssten für ihre Entscheidungen auch haften.

Nun verbringen aber erst einmal jene, die schon in verantwortlichen Positionen sitzen und sich als Elite bezeichnen, Tausende in Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit.

Wenn wir die Haftung zurück haben, dann werden die Entscheidungen anders ausfallen; die Entscheider überlegen mehr, weil sie wissen, dass sie selbst mit im Boot sitzen und somit eine Fehlentscheidung sie als erster selbst trifft.

Stichwort „Exportweltmeister“. Das suggeriert Ansehen, Fortschritt und Innovation. Haben wir damit den Binnenmarkt komplett aus den Augen verloren? Jetzt fehlt er uns als Stütze?

Sofern wir Exportweltmeister mit innovativen Produkten sind, wäre dies richtig. Wenn wir aber Exportweltmeister sind, weil wir große Marktanteile halten und somit Massenprodukte herstellen, dann ist das für unser Europa sehr gefährlich. Wichtig ist vor allem, dass wir die Produktionen in unserem Heimatland halten, um konstant neue Entwicklungen durchführen zu können, um dann auch die Position des Exportweltmeisters auch für die Zukunft halten zu können.

Der Binnenmarkt darf dabei selbstverständlich nicht aus den Augen verloren werden, denn der Binnenmarkt ist Basis für den Export. Deshalb müssen die Produktionen im Inland bleiben, weil die Arbeitsplätze im Inland den Binnenmarkt stärken

Sind wir nach der Finanz- und Wirtschaftskrise jetzt auf dem richtigen Weg? Haben Verursacher aus dem Desaster gelernt?

Wenn wir nicht die persönliche Haftung für die Entscheidungsträger endlich zurückbekommen und somit die Verantwortung von jedem einzelnen für sein Tun verlangen, dann haben wir auch aus dieser Finanz- und Wirtschaftskrise nichts gelernt und werden unweigerlich einer nächsten Krise entgegen gehen.

Wir brauchen wieder Unternehmensführer mit Verantwortung und Leistung, die dann auch berechtigt mit hohen Gehältern ausgestattet werden können. Nach dem Motto Leistung muss honoriert werden, aber Nichtleistung bzw. Fehlleistung darf nicht honoriert werden.

Wenn die Krise bewirken würde, dass wir uns drehen, dann hätte sie am Ende ja noch etwas Gutes bewirkt.

Wenn es so wäre, wäre es sicher sehr positiv, aber ich glaube nicht daran, denn wir haben bereits aus der New Economy Krise nichts gelernt. Auch damals war es Größenwahn und Verantwortungslosigkeit.

Was könnte Politik ganz konkret sofort ändern, welcher Ansatz macht tatsächlich Sinn?

Die Politik sollte Anreize schaffen, dass die Verantwortlichen freiwillig die Haftung übernehmen. Dies wäre beispielsweise ein Rabatt auf die Einkommenssteuer bei persönlicher Haftung. Und so habe ich schon vor Jahren zu Zeiten der New Economy gefordert, die Einkommensteuer auf 60 Prozent zu erhöhen und denen, die die persönliche Haftung für ihr Tun übernehmen 50 Prozent Rabatt einzuräumen. Dann würde sich sicher die Spreu vom Weizen trennen und man wüsste genau, wenn man vor sich hat. Wer bei diesem Steuerrabatt die Haftung nicht übernimmt, traut seiner eigenen Entscheidung nichts zu!

Sie haften persönlich für Ihr Unternehmen?

Ich habe für mein Unternehmen persönlich gehaftet. Nach der New Economy habe ich unsere GmbH & Co. KG spontan in eine Einzelfirma TRIGEMA Inh. W. Grupp e. K. gewandelt mit der Forderung, dass die Politik den haftenden Unternehmen diesen 50-prozentigen Rabatt gibt.
Nachdem aber jahrelang nichts geschehen ist, im Gegenteil immer mehr Insolvenzen erfolgten und ich persönlich für alles haftete und die anderen den Bettel hinschmissen, habe ich wieder zurück gewandelt in eine GmbH & Co. KG. Allerdings mit dem Hinweis, dass ich sofort wieder in eine Haftung umwandle, sofern mir ein steuerlicher Vorteil gewährt wird. Dass ich aber voll hafte und die anderen nicht haften und wir beide die gleichen Steuern bezahlen, das wird auch dem Dümmsten nicht einleuchten.

 

 

Das Gespräch führte Ursula Pidun
Foto: Trigema
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