Ursula Pidun / 9. Juli 2013 / 1 Kommentar


Mediale Menschenjagd im Namen des Profits

Zumwinkel, Tebartz-van Elst, Wulff, Hoeneß und Gurlitt - die Liste jener Zeitgenossen, die dank medialer Hetzjagd diskreditiert und ins gesellschaftliche Aus katapultiert werden, ist lang. Die Art und Weise, wie Medien mit vermeintlichen Sündern der Gesellschaft umgehen, um Quoten zu generieren, ist verabscheuungswürdig. Ein Abgesang auf den Qualitätsjournalismus.

Der Umgang mit vermeintlichen Sündern der Gesellschaft gibt zu denken (Foto: Clipdealer.de)

Der Umgang mit vermeintlichen Sündern der Gesellschaft gibt zu denken (Foto: Clipdealer.de)

 

Augenblicklich quirlt ein gewisser Cornelius Gurlitt in der Spekulationsblase der Medien herum. Es geht um horrende Kunstschätze, die in seiner Münchener Wohnung entdeckt wurden und zumindest teilweise als Kunstraub gewertet werden. Die Geschichte ist brisant, da Gurlitt Sohn eines Kunsthändlers ist, der Chef-Einkäufer der Nazis gewesen sei.

Totgeglaubte leben länger

Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits seit eineinhalb Jahren in diesem Fall. Viel mehr ist nicht bekannt. Dennoch wird in vielen Gazetten der Republik herumschwadroniert, als habe man die Weisheit mit Löffeln gefressen. Zunächst wurde Cormelius Gurlitt für tot erklärt. Als er wie ein Blitz aus dem Jenseits wieder auftaucht, stuften ihn Medien schnell als nunmehr Vermissten, später als Fliehenden herunter, der inmitten seiner vermeintlichen Messie-Wohnung Kunstschätze beherbergte und sie dort zwischen Abfall und Dreck liebevoll gehegt und gepflegt haben soll.

Fantastereien werden zu Tatsachenberichten

Die Stories, die Wortgewandte aus Schlagwörtern wie etwa „Nazi-Zeit“, „Kunstraub“, „Milliarde“ und „Messie-Wohnung“ zusammenschustern, haben mit investigativem Journalismus nichts zu tun. Im Fakten-Check ist der Hauptdarsteller putzmunter und wirkt auf einem aktuellen Foto gepflegt. Dass er in einer Messie-Wohnunng leben soll, hat sich als Hirngespinst mancher Medien herausgestellt. Auch wurde Gurlitt bisher weder zur Fahndung ausgeschrieben noch sitzt er hinter Gittern.

Während die Staatsanwaltschaft akribisch ermittelt, jagen Möchtegern-Sheriffs der medialen Szene den 79-jährigen Gurlitt durchs Gelände. Fern solider Aufklärungsarbeit geben sie sich lieber einem unerträglichen Verdachtsjournalismus und der Menschenjagd hin und arbeiten sich – ähnlich wie im Falle des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff – lange vor rechtsstaatlichen Maßnahmen an der völligen Zerstörung der Reputation der Gejagten ab. Selbstkritische Hinterfragung der eigenen Handlungsweise? Fehlanzeige!

Nichts als Spekulationen und Vermutungen

Selbstverständlich müssen Journalisten kritisch hinterfragen und auch Zuspitzungen zählen zum Handwerk auch nobelster Redakteure. Spekulationen und vage Vermutungen, die als Tatsachen verkauft werden und wahllos in die Öffentlichkeit gestreut ein verheerendes Schlachtfeld für Betroffene hinterlassen, sind für solide arbeitende Journalisten hingegen vollends tabu. Es gibt Schreiberlinge, die sich Journalisten nennen und tatsächlich glauben, sie dürften so etwas. Nein, das dürfen sie nicht. Wer, wie im Fall des Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff, eine Vielzahl an Fehlbehauptungen unter das Volk streut, ist eine lächerliche Journalisten-Figur jenseits von Verantwortung und Anstand, in Teilen sogar brandgefährlich. Solche Personen sollten durchaus auch strafrechtliche Konsequenzen tragen.

In der Jauchegrube der medialen Wirklichkeit

Neben der Tebartz-van Elst und Hoeneß-Stories, die juristisch bzw. untersuchungstechnisch noch gar nicht aufgearbeitet sind, folgt auch die Tragik der Geschichte des gestürzten Bundespräsidenten Wulff dem Myhtos, man könne guten Journalismus durch billigen Klamauk ersetzen. In dem Fall hat u.a. gar ein schlichtes Bobby-Car eine vermeintlich intelligente Medien-Elite zum Kochen gebracht, die schließlich im Kollektiv zuschlug und die angerichtete Suppe nun selbst auslöffeln muss.

Rücksichtlos, unethisch und fern jeglicher Selbstkritik lehnen sich die Akteure auch weiterhin wohlgefällig im Journalistensessel zurück. Menschenjagd im Namen der Profitmaximierung ist zum schäbigen Geschäftsmodell ohne Zukunft verkommen, das sich am Ende in der Jauchegrube der medialen Wirklichkeit wiederfindet.
 
 
Der Münchener Kunst-Fund facht Spekulationen an:



Ein Kommentar zu "Mediale Menschenjagd im Namen des Profits"

  1. Peter Kruse 15. November 2013 at 16:12

    Herzlichen Glückwunsch zu diesem Artikel, der mir aus der Seele spricht!
    Ich habe schon geglaubt, in den Medien wäre niemand mehr zu einem derart kritischen Blick in den Journalisten-Spiegel fähig.
    Im Fernsehen wird man wohl noch sehr lange darauf warten müssen.
    Endlich einmal eine Philippika gegen die selbstgefällige und ausserhalb jeglicher Verantwortung strebende Journaille, die zwar stets den hohen moralischen Anspruch vor sich herträgt, gleichzeitig jedoch ohne mit der Wimper zu zucken andere Menschen zugrunde richtet, wenn es denn nur der Quote bzw. dem Profit dient.
    Weiter so, lassen Sie sich nicht entmutigen!

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