Ursula Pidun / 3. August 2013 / Keine Kommentare


„Fabelhafter Fab“ verhökerte Schrottpapiere an Witwen und Waisen

Er nannte sich "Fabelhafter Fab". Allzuviel Fabelhaftes soll Fabrice Tourre seinen Kunden im sagenumwobenen Reich der Anlagegeschäfte allerdings nicht geboten haben. Der smarte Ex-Goldman-Sachs-Banker musste sich wegen dubioser Finanztransaktionen der Justiz stellen. Nun wurde er verurteilt.

Am vergangenen Donnerstag war es soweit: Fabrice Tourre, einstiger Goldman-Sachs-Banker, wurde für seine dubiosen Wertpapiergeschäfte von einem Geschworenengericht in New York wegen „sechsfachen Verstoßes gegen das Wertpapiergesetz“ für schuldig befunden. Die windigen Finanzgeschäfte des Ex-Bankers führten bei vielen Anlegern zu horrenden Verlusten. Darüber hinaus soll Tourre auch ahnungslosen „Witwen und Waisen“ wertlose Schrottpapiere angedreht und damit sogar geprahlt haben.

Das Strafmaß für den einstigen Finanz-Strategen steht noch nicht fest. Es werde aber wohl irgendwo zwischen einer saftigen Geldstrafe und Berufsverbot liegen, orakeln Beobachter im Umfeld der Szene. Letzeres wird Tourre kaum aus der Ruhe bringen. Er plant bereits eine akademische Laufbahn.

Top – die Wette gilt

Banken als übergeordnete Instanzen sollten wissen, was die Mitarbeiter im Hause so treiben oder umgekehrt sträflich unterlassen. Der „Fabelhafte Fab“ jedenfalls hat seine Kunden mittels konstruierter, hypothekengesicherter Wertpapiere – sogenannte „synthetic collateralized debt obligation“ (CDO) – übers Ohr gehauen, die im Sinne eines Wettgeschäfts auf einen Wertverfall abzielten. Die Wettpartner hingegen, also die Käufer dieser absurden Papiere, hatten keine Ahnung vom Inhalt der verlockenden Produkte.

Eigentlich hätte sich Tourre die Prozess-Tortour sparen können. Doch er schloss sich einer von Goldman bereits 2010 initiierten außergerichtlichen Einigung nicht an. Lieber wollte er seine Unschuld vor Gericht beweisen. Das ging offensichtlich gründlich daneben. Ob mit dem Urteil nunmehr ein Exempel statuiert und dem Ruf Zigtausender Anleger nach Gerechtigkeit Rechnung getragen werden soll, bleibt vorerst offen. Fraglich bleibt auch, ob die Verurteilung einzelner Finanzjongleure zwangsläufig zu mehr Verantwortungsbewusstsein der Akteure am Finanzmarkt führt. Insider sehen in Tourre eher einen Sündenbock, während sich andere Banker aus der Verantwortung stehlen.

Politiker im Deregulierungs-Wahn

Doch nicht nur Banker und Banken sondern auch Politiker tragen ihren Teil zu den exzessiven Finanztransaktionen bei. Hierzulande erklärten CDU und CSU noch im Wahlprogramm zur Bundestagswahl im Jahr 2005 siegessicher:

„Wir entschlacken die Vorschriften zum Kreditwesengesetz und führen die bestehende Überregulierung bei der Bankenaufsicht auf das notwendige Maß zurück.“

Auch SPD und Grüne sind diesbezüglich keineswegs über jeden Zweifel erhaben. Die rot-grüne Koalition schrumpfte mit der Agenda 2010 nicht nur den Sozialstaat zusammen, sondern sorgte unter tatkräftiger Unterstützung angesehener Wirtschaftswissenschaftler in erheblichem Maße für ein Aufweichen der Regulierungen für Hedge-Fonds in Deutschland.

Im Zweifel siegt die Gier

Das „Entschlacken“ der Finanzmarkt-Regulierungen wurde zum teuren Flop für viele Anleger. Soviel steht heute fest. Für die Folgen dubioser Geschäfte, für die Politik ein glanzvolles Parkett schaffte, werden unseriöse Finanzberater nunmehr wohl individuell im Sinne des persönlichen Fehlverhaltens abgestraft. Tourre macht da sicher erst den Anfang, andere werden folgen. Dem Ruf nach ausgleichender Gerechtigkeit wird dies lange nicht gerecht. Im Zweifel siegt die Gier. Und die ist nicht nur bei manchen Bankern und Banken das Maß aller Dinge.
 
 
WSJ-Reporter Justin Baer:

Foto: Clipdealer.de



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Abonnieren